/// KONZEPT


KONZEPT Musik
Ann Allen & Rebecca Ockenden

Durch den Titel unseres Programms wollen wir zugleich den Telefonhörer evozieren (im Englischen heißt ‚line’ auch eine telefonische Verbindung), der in unregelmäßigen Abständen von der Protagonistin und von ihrem unsichtbaren aber stets vorhandenen Gesprächspartner am anderen Ende dieser ‚line’ aufgenommen wird. Ebenso wichtig ist es, dass wir damit auf das nahe Ende eines folgenschweren Verhältnisses hinweisen (bildlich gesprochen ist ‚end of the line’ gleichbedeutend mit ‚Endstation’).

Das Hauptstück des Abends bildet die Monooper ‚La Voix Humaine’, von Francis Poulenc. Der Text von Jean Cocteau wurde vor beinahe neunzig Jahren verfasst, dennoch bleibt das Werk, abgesehen von einigen Details, die eindeutig auf die dreißiger Jahre hinweisen, auffallend kontemporär. Trennung und der damit verbundene Schmerz sind durch die Jahrzehnte universelle Themen geblieben; das alles und noch mehr hat Poulenc 1958 in seiner Vertonung des Stücks von Cocteau auf unvergleichliche Weise festgehalten.

Indem wir versuchten, Poulencs chef-d’œuvre in einen breiteren Kontext zu setzen, stießen wir durch glücklichen Zufall auf Michael Jarrells Komposition von 2011, ‚Etude pour piano’. In zehn Minuten liefert dieses Stück (ohne Singstimme) die Quintessenz von ‚La Voix Humaine’ und bildet so ein angemessenes Vorspiel.

Die Frage blieb, wie wir auf überzeugende Weise eine Brücke von der Etüde Jarrells zum Meisterwerk Poulencs schlagen könnten. Dafür wollen wir uns das Improvisationstalent Ludovic Van Hellemonts zunutze machen, indem wir eine kurze Übergangsphase mit Fragmenten ‚komponierter Improvisation’ einführen, die gleichzeitig auf die eben gehörte Etüde zurückverweisen und auf das noch zu hörende Poulencsche Werk vorausblicken, sodass die Musik nahtlos in ,La Voix Humaine’ übergeht.

Wir sind von der Gelegenheit begeistert, den Gare du Nord als Schauplatz benutzen zu dürfen. Der Raum am Badischen Bahnhof ist gewissermaßen ein ,end of the line’, eine Endstation. Seine Architektur ruft eine frühere Epoche als die von Cocteau hervor, seine Aura der Kurzlebigkeit indessen, als Ort der Ankünfte und der Abreisen, drückt metaphorisch aber genau die Wechselhaftigkeit menschlicher Beziehungen aus, die im Werke Poulencs vertont werden. In diesem Werk wird dem Zuhörer vergönnt, auf kurze Zeit Einsicht in die Zwangslage und die Unruhe eines Menschen zu gewinnen.

 

KONZEPT Inszenierung
Ann Allen

Nur wenigen wird der überwältigende Schmerz eines gebrochenen Herzens erspart geblieben sein. Stundenlang, tagelang, wochenlang, monatelang dauert diese Qual, die man schweigsam oder auch nicht so schweigsam erdulden muss, indem man sich die Szenen eines verlorenen Lebens, wo die Leidenschaft zu Leid wird, immer wieder vorspielt. Es ist eine krankhafte Welt der sich überschneidenden Gefühle, die Bauchschmerzen, Herzklopfen und Gemütskrankheit zu einem allumfassenden Übel zusammenschweißt.

Als ich begann, dieses Vorhaben zu planen, war mir klar, dass ich dem Stück alles Stoffliche abstreifen, es bis auf ein bares Minimum reduzieren wollte, damit die Gewalt der Gefühle und der Erfahrungen durch die Musik zum sprechen kommen kann. Also kein Bett, kein rosa Kleid, keinen Telefonhörer, den Elle vierzig Minuten lang im Arm wiegen sollte. Ich hatte vor, eine dunkle Welt zu gestalten, eine Gefängniszelle, in der die Protagonistin von den eigenen Gedanken und Schmerzen eingeschlossen bleibt.

Auf raffinierte Weise bietet uns Poulencs Oper zwei gleichlaufende Geschichten an: die Gegenwartserzählung und die langsam zu Tage tretende Wahrheit der Vergangenheit. Elles multidimensionale Erfindungen können eine Zeit lang diese beiden Welten zusammen nähen, im Laufe des Abends aber entwirren sich ihre Lügen, und die zwei getrennten Wirklichkeiten werden aufgedeckt.

Um diese Vorstellung einer Doppelexistenz einzufangen, habe ich die Tänzerin Kendra Walsh ins Spiel gebracht. Sie stellt die wahren Gefühle der Elle dar, selbst dann, wenn Rebecca Ockendens Protagonistin noch verbissen lächelt und ihrem ehemaligen Liebhaber versöhnlich zuflüstert.

Um diese dunkle, gefängnisartige Welt hervorzurufen, werden fast keine Requisiten auf der Bühne zu sehen sein; das Bühnenbild besteht aus einem Wald von Telefonhörern und Glühbirnen, die von der Decke herunterhängen. Während die Sängerin Elle hauptsächlich in der Gegenwart bleibt und von einem Gespräch zum andern frei über die Bühne gehen kann, wickelt die Tänzerin Elle langsam die vielen Telefonschnüre um sich, in dem gleichen Maße, wie sie in ihrem Lügengespinst und in ihrem Gewirr der Gefühle eingeschlossen wird. 

 

© morethanmusic 2017