/// MUSIK


ETUDE POUR PIANO 
Michael Jarrell

Michael Jarrells 2011 komponierte ,Etüde' für Klavier bietet uns eine virtuose Achterbahnfahrt, auf der heftig gefühlsbetonte und aufgewühlte Passagen mit Momenten der Gemütsruhe alternieren, eine Ruhe, die jedoch immer auch durch düstere Untertöne getrübt wird. Das einleitende Hammermotiv erinnert an das Telefon in Poulencs ‚La Voix humaine’, und die immer wiederkehrenden, frenetisch pulsierenden Figuren können mit dem inneren Aufruhr der Protagonistin in ‚La Voix humaine’ verglichen werden. Schlussendlich verklingt der musikalische Aufruhr sehr langsam und hinterlässt eine öde Leere, bar jeglichen Gefühls. Monsieur Jarrell freut sich sehr über die Schweizer Uraufführung seines Werks, das schon in Deutschland und in Frankreich, aber noch nie in seinem Heimatland gespielt wurde.

ZWISCHENHALT
Ludovic Van Hellemont

‚Zwischenhalt’ wurde als Überleitung zwischen zwei Werken, nämlich Jarrells ‚Etude’ und Poulencs ‚La Voix humaine’, konzipiert. Auch wenn beide Werke stilistisch sehr verschieden sind, zeigen die motivischen und harmonischen Materialien Ähnlichkeiten auf. Durch das Improvisieren mit diesen gemeinsamen Bausteinen konnte Ludovic Van Hellemont den Klang- und Spracheigenschaften der beiden Komponisten näher kommen und eine Form entwickeln, die Jarrell und Poulenc in einen Dialog kommen lässt. Dabei sind aber auch Einflüsse seiner eigenen Vorbilder wie Messiaen, Bartok oder Ligeti hörbar. Das Resultat ist als komponierte Improvisation zu verstehen. 

 LA VOIX HUMAINE 
Francis Poulenc

Dieses Werk, dem Kultstatus zuzuerkennen ist, hat in seinem sechzigjährigen Bestehen viele Aufführungen gekannt und behält heute seine unverminderte Anziehungskraft. Die Einfachheit des Konzepts und der Ausstattung ist reizvoll: auf der Bühne sehen wir eine einzige Protagonistin, es gibt nur ein Requisit, nämlich ein Telefon, und als Variante wird angeboten, dass die Sängerin nicht vom vollen Symphonieorchester, sondern einfach am Flügel begleitet wird.

In vierzig Minuten wird die Seele einer Frau vollständig durchleuchtet: eine Frau, die am Scheideweg ihres Lebens steht, nachdem sie von dem Mann, den sie geliebt hat und noch liebt, verlassen wurde. Diese namenlose ‚Elle’, diese Allerweltsfrau, enthüllt während dieser kurzen Zeit eine breite Gefühlsskala: Esprit und Verve, Zartgefühl und verführerischen Zauber, Wildheit und Frustration, Drohverhalten und List, das alles zeigt sie neben den Tiefpunkten der allumfassenden Mutlosigkeit und Verzweiflung. Ihre Launen und ihre Gefühlsausbrüche sind oft widersprüchlich und kapriziös; ihre wahren Gefühle verbergen sich hinter einer Maske der Verstellung. Es ist unbedingt erforderlich, dass der Zuhörer ihr Schicksal zu Herzen nimmt, wenn er sich auch in einer gelegentlich als vielleicht peinlich zu empfindenden Lage des Lauschers einer heiklen und privaten Situation befindet. Die Mentalität und die Beweggründe der ‚Elle’ zu enträtseln und die mutmaßlichen Zwischenrufe und Erwiderungen des Angerufenen, des ‚Lui’, zu entschlüsseln, stellt eine lockende Aufgabe dar. 

Nach unserem Dafürhalten muss eine langfristige musikalische Probezeit den Bühnenproben vorangehen und diese dann begleiten, da das Verhältnis zwischen Stimme und Klavier sehr eng ist. Auch muss das hochkomplizierte Timing einer jeden Pause, einer jeden Phrase genau vorbereitet werden, damit der Zuhörer von der Echtheit dieses ‚duo à une seule voix’ völlig überzeugt werden kann.

© morethanmusic 2017